Beim Kauf meiner Küchenschränke habe ich sie eigentlich gar nicht richtig gesehen. Wirklich bewusst wurden sie mir erst, als ich versuchte, die oberen Fronten zu putzen. Ich balancierte auf einem wackligen Stuhl, mit einem Schwamm in der einen Hand, mit der anderen klammerte ich mich am Griff fest – und starrte in einen staubigen Abgrund, in dem alte Pastapackungen verschwanden, um dort vergessen zu werden. Die Schränke zogen sich bis direkt an die Decke hoch, wie eine Wand aus beigen Zähnen. Angeblich sollten sie „elegant“ und „praktisch“ sein. Für mich fühlten sie sich einfach nur … erdrückend an.
In diesem Moment dämmerte mir etwas Stilles, Unangenehmes: Dieser Look kam nicht aus mir selbst. Er war mir verkauft worden.
Und plötzlich wirkten diese hohen Kisten wie ein Trick, auf den ich hereingefallen war.
Wie Ikea uns den Traum von der Küche bis zur Decke verkauft hat
Wer samstags durch einen Ikea-Showroom läuft, merkt, wie einem die „hohe Küche“ regelrecht passiert. Man folgt dem vorgegebenen Weg, vorbei an lächelnden Familien und aufgeräumten Inseln – und dann steht sie da: eine strahlend weisse Küche, deren Oberschränke scheinbar mühelos bis zur Decke steigen. Keine Lücken, kein Staub, kein „verschenkter“ Raum. Das Licht ist genau richtig warm. Die Arbeitsflächen sind perfekt leer.
Man betrachtet das nicht nur. Man setzt sein zukünftiges Ich hinein.
Von einer schwedisch anmutenden Musterküche zur nächsten wird dieselbe Botschaft wiederholt: Vertikaler Stauraum bedeutet kluges Wohnen. Da gibt es das Setting „kleine Wohnung“, in dem jeder Zentimeter irgendwie erobert wird. Ein 38-Quadratmeter-Studio beherbergt plötzlich wie von Zauberhand einen grossen Kühlschrank, einen Ofen und eine ganze Armee an Oberschränken, die in militärischer Formation nach oben wächst. Ein niedliches Schild verkündet „Mehr Leben pro Quadratmeter“ – und im Kopf wird daraus leise: „Mehr Schränke heisst mehr Leben.“
Man macht schnell ein Foto, schickt es einer Freundin oder einem Freund, und ehe man sich versieht, wird diese gestapelte Schrankwand zum Massstab dafür, wie eine „richtige“ Küche auszusehen hat.
Gestalterinnen und Gestalter sagen, dass das kein Zufall war. Hohe Schränke ermöglichen es Marken, auf derselben Grundfläche mehr Ware unterzubringen, einen in zusätzliche Module „hochzustufen“ und gleichzeitig eine Idee von Ordnung und Status zu verkaufen. Unsere Eltern kannten niedrigere Schränke – und darüber ein bisschen Luft. Wir sind mit Marketingabteilungen gross geworden, die genau diese Lücke zur „Schwachstelle“ erklärten, die es zu beheben gilt.
So haben wir gelernt, Leere als Scheitern zu lesen – und vertikale Überfüllung als Raffinesse. Das ist die leise Psychologie hinter deiner deckenhohen Wand aus Türen.
Warum Designer heute sagen, dass diese hohen Schränke ein grosser Fehler waren
Fragt man Innenarchitektinnen und Innenarchitekten unter vier Augen, was sie wirklich von Küchenschränken bis zur Decke halten, kommt oft erst ein Seufzen – und dann die Liste. Immer wieder fallen dieselben Punkte: optisch zu schwer, praktisch zu hoch, in kleineren Wohnungen zu dominant. Was im perfekten Showroom sauber und ruhig aussieht, wird in einer durchschnittlichen Wohnung mit niedriger oder normaler Deckenhöhe schnell zu einem wuchtigen Aufbewahrungsmonolithen.
Die Küche ist dann nicht mehr ein Raum, in dem man durchatmet, sondern fühlt sich an wie ein Aktenschrank.
Ich sprach mit einer Designerin aus London, die in einem schmalen Reihenhaus eine zehn Jahre alte Ikea-Küche herausreissen liess. Die ursprünglichen Besitzer hatten die hohen Schränke voller Stolz eingebaut – „für den Wiederverkaufswert“. Ganz oben lagerten Weihnachtsgeschirr, ein kaputter Mixer und drei Gläsersets, die sie schlicht vergessen hatten. Um an irgendetwas heranzukommen, brauchte man einen Tritthocker und die passende Laune.
Als die Designerin diese Türme durch eine einzige Reihe Schränke und ein schlichtes offenes Regal ersetzte, kamen die Eigentümer herein und sagten: „Wir hatten keine Ahnung, dass dieser Raum so gross ist.“
Die gestalterische Logik dahinter ist simpel: Hohe Schränke bilden einen massiven, vertikalen Block, der den Raum optisch „halbiert“. Licht kann schlechter reflektieren. Ecken wirken dunkler. Der Blick prallt an den Fronten ab, statt durch den Raum zu fliessen. Genau deshalb zeigen so viele neue, „teure“ Küchen im Netz heute niedrigere, horizontale Linien – und oben bewusst freie Fläche.
Niemand behauptet, Stauraum sei grundsätzlich schlecht. Die Kritik richtet sich dagegen, jede Wand in einen deckenhohen Schrank zu verwandeln – weil das Massstäblichkeit, Atmosphäre und das alltägliche Zuhause-Gefühl unmerklich beschädigt.
Was du tun kannst, wenn deine Küche schon ein Schrankturm ist
Du musst nicht gleich die gesamte Küche abreissen, um dich aus der Wirkung dieser hohen Schrankwand zu lösen. Fang mit einem Abschnitt an. Nimm dir die drückendste Reihe Oberschränke vor und stelle sie dir als etwas anderes vor: ein offenes Regal, ein Bild, ein „Fenster“ zum Atmen. In vielen Ikea-ähnlichen Küchen lassen sich zwei Türen samt Korpussen tatsächlich entfernen, danach kann man die Wand ausbessern.
Auf einmal ist wieder eine horizontale Linie im Raum. Als würde die Küche ausatmen.
Wenn dir komplette Entfernung zu radikal erscheint, probiere eine „sanfte Korrektur“: Räume die obersten Fächer komplett leer und packe alles in eine einzige, klar beschriftete Kiste, die du für einen Monat woanders lagerst. Beobachte, ob du überhaupt etwas daraus brauchst. Wenn nicht, trägt dieser Schrank nur optisches Gewicht – ohne Nutzen.
Diesen Moment kennen wir alle: Man merkt, dass die halbe Küche eigentlich nur ein Museum für Ersatzkram ist, von dem man vergessen hat, dass er existiert. Seien wir ehrlich: Niemand steigt zweimal pro Woche liebevoll auf eine Leiter, um das feine Glasgeschirr zu rotieren.
Eine Innenarchitektin formulierte es mir gegenüber sehr direkt:
„Oberschränke sind wie überfüllte Posteingänge. Je mehr du hast, desto mehr Unordnung fühlst du dich berechtigt zu behalten.“
Sie empfiehlt drei einfache, risikoarme Schritte:
- Entferne oder kürze eine Reihe Oberschränke, um einen visuellen „Bruch“ zu schaffen.
- Ersetze ein paar Türen durch Glasfronten oder offene Regale, damit der Rhythmus leichter wirkt.
- Streiche die verbleibenden Oberschränke in der Wandfarbe, um den Block-Effekt abzumildern.
Keiner dieser Schritte verlangt eine Komplettsanierung – es sind kleine Akte des Widerstands gegen die vertikale Wand, die wir zu bewundern gelernt haben.
Neu denken, wie eine „gute“ Küche heute aussieht
Sobald man sich von der Ikea-Showroom-Fantasie löst, passiert etwas Merkwürdiges: Die eigene Küche beginnt zurückzureden. Sie erinnert daran, wo man beim Kochen tatsächlich steht, was man ohne Strecken erreicht und wo das natürliche Licht um 17 Uhr hinfällt. Und sie stellt die Frage, ob man in einer Art Lagerraum leben will – oder in einem Zimmer, in dem Menschen wirklich gern bleiben.
Wenn Designerinnen und Designer sich gegen hohe Schränke positionieren, geht es nicht darum, frühere Entscheidungen zu beschämen. Es ist vielmehr eine Einladung, anders zu fragen: Was, wenn „genug“ Stauraum längst genug ist?
Einige Hausbesitzer lassen Unterschränke und Kücheninseln grosszügig, halbieren dann die Oberschränke – oder lassen sie an einer Wand komplett weg. Andere setzen auf eine einzige hohe Vorratsschrank-„Säule“ und halten den Rest der Küche optisch ruhig. Der Trend ist nicht Minimalismus als Strafe. Es ist der Versuch moderner Wohnungen, Weichheit, Horizontalität und diese stille Linie zurückzuholen, an der Wand und Decke sich begegnen.
Hat man einmal erkannt, wie diese riesigen Türme unsere Vorstellung davon gekapert haben, was eine „fertige“ Küche ist, lässt es sich kaum noch übersehen. Die freie Fläche über einem moderaten Oberschrank wirkt dann weniger wie verschenkter Raum – und mehr wie Luxus: Leere, die man nicht füllen muss, nur weil ein Katalog es so vorsah.
| Kernpunkt | Detail | Nutzen für dich als Leserin/Leser |
|---|---|---|
| Wie Ikea die Norm der hohen Schränke geprägt hat | Showroom-Führungen und Slogans machten vertikalen Stauraum zum Statussymbol | Hilft dir zu erkennen, dass Küchenentscheidungen beeinflusst wurden – und nicht „zwangsläufig“ sind |
| Warum Designer heute gegen deckenhohe Wände argumentieren | Sie lassen Räume kleiner wirken, sammeln ungenutztes Zeug und nehmen Licht und Rhythmus | Gibt dir klare Gründe, bestehende Layouts zu hinterfragen oder anzupassen |
| Kleine, machbare Korrekturen | Einen Abschnitt entfernen, Fronten optisch erleichtern oder selten genutzte Dinge auslagern | Zeigt praktische, günstige Wege, um Raum und Ruhe zurückzugewinnen |
Häufige Fragen:
- Sind hohe Küchenschränke immer eine schlechte Idee? Nicht immer. In Räumen mit sehr hohen Decken oder in wirklich winzigen Studios können ein paar hohe Elemente sinnvoll sein. Problematisch wird es, wenn jede Wand komplett vollgepackt ist und der Raum sich wie eine Kiste anfühlt.
- Welche Höhe der Oberschränke bevorzugen Designer heute? Viele lassen 30–60 cm (12–24 Zoll) zwischen Schrankoberkante und Decke frei oder verzichten an mindestens einer Wand ganz auf Oberschränke, damit die Blickhöhe offen bleibt.
- Schadet es dem Wiederverkaufswert, wenn ich Oberschränke entferne? Die meisten Käufer reagieren emotional auf Licht und Raumgefühl. Eine Küche, die grösser und ruhiger wirkt, kann attraktiver sein als eine, die mit schwer erreichbarem Stauraum vollgestopft ist.
- Was kann ich tun, wenn ich zur Miete wohne und die Schränke nicht ändern darf? Arbeite mit Styling und Farbe: Halte die obersten Fächer fast leer, lagere schwere Dinge unten, streiche Wand und Schränke in ähnlichen Tönen und nutze luftige, offene Deko, um den Block optisch zu mildern.
- Sind offene Regale im Alltag wirklich praktisch? Sparsam eingesetzt: ja. Stelle alltägliche Teller und Gläser dort hin, spüle und rotiere sie regelmässig, und nutze geschlossene Schränke für das Unordentliche und die zusammengewürfelten Teile, die du nicht offen zeigen möchtest.
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