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Zwillinge: frühe Entwicklungsverzögerungen, Sprache bis 7 überholt Geschwister

Frau spielt mit zwei Kleinkindern mit bunten Bauklötzen an einem Holztisch im Wohnzimmer.

Zwillinge scheinen in der frühen Kindheit häufiger langsamer voranzukommen als ihre einzeln geborenen Geschwister – mit möglichen Folgen für späteres Lernverhalten.

Eine neue Auswertung liefert Hinweise darauf, dass Zwillinge beim Übergang ins Schulalter Nachteile in drei Bereichen zeigen: Kognition, Sprache sowie sozial‑emotionale Kompetenzen. Gleichzeitig deutet die Analyse darauf hin, dass Zwillinge ihre anfänglichen Rückstände in der Sprache aufholen und ihre einzeln geborenen Geschwister in diesem Punkt bis zum Alter von 7 Jahren sogar übertreffen.

Insgesamt legen die Ergebnisse nahe, dass Zwillinge von früher Förderung profitieren könnten, um Lernunterschiede zu verringern und die Chancen auf schulischen Erfolg zu verbessern.

„Die Zwillingserfahrung bringt ein spezifisches Bündel an Herausforderungen mit sich, das oft übersehen wird“, erklärt Emily Wood, Entwicklungspsychologin am King’s College London und Hauptautorin der Studie.

„Wenn man zwei Kinder im exakt gleichen Alter hat, konkurrieren sie unmittelbar um alles – von Spielzeug und Essen bis zur ungeteilten Aufmerksamkeit eines Elternteils. Das ist eine Herausforderung, die dem Zwillingssein innewohnt, und etwas, womit Eltern von Einzelkindern nicht in derselben Weise umgehen müssen.“

Was die Studie zu Entwicklungsverzögerungen bei Zwillingen zeigt

Frühere Hinweise auf Entwicklungsverzögerungen bei Zwillingen sind uneinheitlich.

So kam eine Meta-Analyse mit 15.000 Zwillingspaaren und 1,5 Millionen Einzelkindern zu dem Ergebnis, dass Zwillinge in Kindheit und Jugend im Schnitt um mehrere IQ‑Punkte niedriger lagen als einzeln geborene Kinder. Andere Untersuchungen fanden dagegen nur geringe oder kaum nachweisbare Unterschiede.

Die nun vorliegende Arbeit, die von Forschenden der University of York (Vereinigtes Königreich) geleitet wurde, verfolgt einen besonderen Ansatz: Sie vergleicht Zwillinge und einzeln geborene Kinder innerhalb derselben Familie. Dadurch lassen sich typische Störfaktoren, etwa genetische Unterschiede, Umweltbedingungen und Merkmale des Haushalts, besser in den Griff bekommen.

Die Auswertung stützt sich auf Daten der Studie zur frühen Entwicklung von Zwillingen (TEDS) und umfasst Angaben zu 851 Zwillingspaaren aus dem Vereinigten Königreich sowie deren jüngere, einzeln geborene Geschwister.

Untersucht wurde die Entwicklung der Kinder im Alter von 2, 3, 4 und 7 Jahren – und zwar in den drei Domänen Sprache, Kognition und sozial‑emotionale Fähigkeiten.

Studiendesign: TEDS-Daten und Geschwistervergleich

Die Daten wurden zwischen 1996 und 2004 erhoben. Für die Altersstufen 2, 3 und 4 Jahre füllten Eltern Fragebögen aus, die den Entwicklungsstand ihrer Kinder abbilden sollten. Mit 7 Jahren wurden die Informationen dagegen direkt von den Kindern per Telefon erhoben.

In den kognitiven Tests – darunter Aufgaben zu Konzeptverständnis und Puzzle‑Aufgaben – erzielten einzeln geborene Kinder in sämtlichen Altersstufen höhere Werte als Zwillinge.

Auch bei der sozial‑emotionalen Entwicklung lagen die Einzelgeborenen in jedem Alter vorn: Sie zeigten mehr prosoziales Verhalten und zugleich weniger Verhaltens- und emotionale Probleme.

Bei einzelnen sozial‑emotionalen Themenfeldern, etwa Hyperaktivität und Schwierigkeiten mit Gleichaltrigen, nahm der Abstand den Angaben zufolge sogar zu, je näher die Kinder dem Schulalter kamen.

Anders verlief es in der Sprache: Zwar schnitten Zwillinge in den frühen Jahren zunächst schwächer ab als ihre einzeln geborenen Geschwister, doch bis zum Alter von 7 Jahren schlossen sie auf und lagen in diesem Bereich schließlich davor.

Die beobachteten Nachteile der Zwillinge ordneten die Forschenden als klein bis mittel in der Effektstärke ein – zugleich seien sie statistisch bedeutsam.

Ursachen, offene Fragen und Bedarf an früher Förderung

Warum sich Entwicklungsmuster bei Zwillingen so darstellen, kann mehrere Gründe haben. Ein mögliches Beispiel: Eltern könnten einem jüngeren Geschwisterkind mehr Aufmerksamkeit schenken, weil ältere Kinder mit der Zeit oft selbstständiger werden.

Hinzu kommt, dass Zwillinge die elterliche Zuwendung grundsätzlich teilen müssen. Zudem kann die Erziehung von Zwillingen stärker emotional, körperlich und finanziell belasten. In der Folge könnten Zwillinge seltener angesprochen oder auf den Arm genommen werden.

„Diese und ähnliche Belastungen beeinflussen nachweislich auch die Sprache, die Eltern an ihre Zwillinge richten: Sie besteht aus kürzeren, weniger ausgefeilten Äußerungen als die Sprache, die an einzeln geborene Kinder gerichtet wird“, erklären die Forschenden.

Die Ergebnisse werfen zugleich Rätsel auf.

„Erstens teilen Zwillinge die Anwesenheit ihres Co‑Zwillings von der Empfängnis an; sie beginnen ihr Leben, indem sie eine Gebärmutter teilen, und eineiige Zwillinge, die aus derselben befruchteten Eizelle entstehen, teilen häufig sogar dieselbe Plazenta – in manchen Fällen sogar dieselbe Fruchtblase“, schreibt das Team in der Studie.

Daraus leiten die Autorinnen und Autoren die Möglichkeit ab, dass das Spiel mit einem Kind, das einem selbst in vieler Hinsicht sehr ähnlich ist, Zwillinge weniger dazu motivieren könnte, mit nicht verwandten Kindern in Kontakt zu treten.

Außerdem werden Zwillinge im Alltag oft als Paar wahrgenommen statt als eigenständige Personen und werden häufig miteinander verglichen. Das kann Verbindungen erleichtern, könnte aber ebenso das Identitätsgefühl jedes einzelnen Kindes beeinflussen.

Vor diesem Hintergrund argumentiert das Team, dass zusätzliche Unterstützung in den ersten Lebensjahren helfen könnte, Verzögerungen in zentralen Kompetenzen abzufedern, die spätere Lebensverläufe mitprägen. Gelingt es nicht, diese Lernlücke zu schließen, könnten langfristig ungünstige Verhaltensmuster entstehen – etwa Vermeidung und geringe Motivation.

Frühe Bildungs- und Förderangebote könnten auch deshalb an Bedeutung gewinnen, weil Mehrlingsgeburten zunehmen. Zwillingsgeburten werden demnach unter anderem häufiger, weil Schwangerschaften in einem höheren Alter stattfinden und mehr Kinder nach IVF‑Behandlungen geboren werden.

Die Studie wurde in Child Development veröffentlicht.

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