Beim Thema Elektroauto gibt es kein Entkommen: Als Erstes landet immer die Reichweite auf dem Tisch. Mindestens genauso entscheidend ist aber eine andere Frage, sobald es um einen Fahrzeugwechsel geht: Kann ein Stromer für eine ganze Familie wirklich alltagstauglich und komfortabel genug sein?
Offene Punkte gibt es viele, das stimmt – erst recht im August. Genau deshalb habe ich es so gemacht: Ich habe eine Ferienwoche genutzt und den Volvo EX90 ausprobiert. Frau und Kinder an Bord, der Kofferraum voll, und eine Menge Kilometer vor uns.
Dass sich Arbeit und Ferien dabei vermischen, fand nicht jeder gleich gut. Zum einen meine Frau, die mehr als einmal sagte: „Ferien sind Ferien …“ (und der ich dafür danke, dass sie die Verbrauchswerte sehr gewissenhaft notiert hat). Zum anderen unser Volvo EX30, der in der Garage bleiben musste – zugunsten seines „großen Bruders“.
In diesem Video erkläre ich, wie es war, den Volvo EX90 fern von zu Hause zu testen – und vor allem fern von dem Ladepunkt, den wir am häufigsten nutzen. Unter realen Bedingungen, in Ferien, die uns von Lissabon in die Templerstadt Tomar geführt haben. Ein anderes Video, in dem ich die typischen Fragen beantworte:
Der Volvo EX90 ist wirklich groß
Das Maßband lügt nicht: Der Volvo EX90 ist tatsächlich mehr als fünf Meter lang. Trotzdem ist es der schwedischen Marke gelungen, den massigen Auftritt zu vermeiden, der bei SUV dieser Größe oft dazugehört.
Die klare Linienführung, die lange Motorhaube und die Scheinwerfer im „Thors-Hammer“-Design sorgen für den Wiedererkennungswert und lassen die XXL-Proportionen dieses Modells weniger wuchtig wirken.
Außen sticht aber vor allem ein Detail heraus: das auf dem Dach montierte LiDAR-System. Damit kann der EX90 die Straße bis zu 250 Meter weit erfassen – bei Sonne wie bei Regen. Elegant wirkt das nicht unbedingt, doch Volvo hat es genau dort platziert, weil diese Position laut Hersteller die besten Resultate liefert. In diesem Punkt hat die Optik dem Markenkern weichen müssen: Sicherheit.
Volvo macht aus den eigenen Plänen keinen Hehl: Der EX90 soll für die autonome Mobilität der nächsten Generation vorbereitet sein. Im Video zeige ich eine Stelle, an der ich einen versteckten Knopf am Lenkrad entdecke – gedacht, um künftig ein System für autonomes Fahren auf Level 2.5 oder 3 zu aktivieren, in einem Zeitraum, den wir als eher kurz einschätzen.
Platz für sieben und dann noch ein bisschen
Ein Familienauto muss praktisch sein – zur Reichweite komme ich gleich. Und genau hier punktet der EX90 besonders. Der Kofferraum fasst 670 Liter, mit aufgestellten sieben Sitzen bleiben 380 Liter übrig. Zur Einordnung: Das entspricht ungefähr dem Kofferraum meines Volvo EX30.
Auch der Komfort profitiert deutlich von der höhen- und härteverstellbaren Luftfederung, die sich von den großen Felgen des Testwagens nicht aus der Ruhe bringen lässt.
Innen treffen viel Raum, moderne Technik und das erwartbare Android-Automotive-Infotainmentsystem aufeinander – inklusive OTA-Updates und Google-Diensten auf Portugiesisch. Gerade Updates sind ein wichtiger Punkt, das weiß ich aus eigener Erfahrung: In meinem EX30 wurden die anfänglichen „Bugs“ nach und nach behoben. Und mit der Zeit kommen auch neue Tricks/Funktionen dazu.
Reale Reichweite des Volvo EX90
In den Ferien habe ich 430 km mit nur einer Ladung geschafft. Dafür, dass Stadt, Landstraße und Autobahn dabei waren, war das ein sehr guter Wert. Trotzdem schwankt der Verbrauch je nach Einsatzgebiet deutlich – und genau das erkläre ich hier.
In der Stadt, wo Elektroautos ihre Stärken ausspielen, kann die angegebene Reichweite im WLTP-Zyklus über 600 km liegen. Das ist kein unrealistisches Ziel. Auf der Autobahn sieht es anders aus, und der Volvo EX90 macht es einem dort nicht gerade leicht.
Weil Geräuschdämmung und Komfort so hoch sind, fällt es schwer, den Tacho strikt bei 120 km/h zu halten. In der Praxis kann die Reichweite auf der Autobahn dadurch auf 330 km real sinken – abhängig davon, wie schwer der rechte Fuß ist. Meiner ist es.
Schnellladen gleicht das ein Stück weit aus – schnell fahren eher nicht. Dank 800 V-Architektur akzeptiert der EX90 Ladeleistungen bis 250 kW und kommt in etwa einer halben Stunde auf 80% Ladestand. Genau genug Zeit, um die Beine zu vertreten, einen Kaffee zu holen und weiterzufahren. Mit Kindern an Bord ist das besonders wichtig.
Es ist absurd, wie gut dieses SUV geht!
Ich bin die stärkste Variante gefahren, den EX90 Twin Motor Performance. Mit 517 PS und 910 Nm überrascht es nicht, dass der Sprint von 0-100 km/h in 4,9 Sekunden erledigt ist. Wie bei allen Volvo-Modellen ist die Höchstgeschwindigkeit auf 180 km/h begrenzt.
Ist das sinnvoll? Eher nicht. Macht es Spaß? Auf jeden Fall. Wobei bereits die Version mit nur einem Motor mehr als genug Leistung bietet.
Auf der Straße wirkt das Fahrverhalten berechenbar, sicher und stabil – ein Ergebnis der Luftfederung und der strengen Gewichtskontrolle (es ist schließlich ein Volvo …). Am Lenkrad fühlt sich der EX90 dennoch wie ein SUV an, das klar für Familien gedacht ist und nicht für Bestzeiten auf der Rennstrecke. Was nicht heißt, dass er an der Ampel keinen Spurt mitmacht … nur eben ohne Familie, versteht sich.
Ebenfalls entscheidend: die Manövrierbarkeit. Bei fünf Metern Länge ist jede Unterstützung willkommen, besonders in der Stadt. Zum Glück ist der Wendekreis klein, und die 360º-Kameras sind stets zur Stelle.
Die Preise in Portugal
In Portugal startet der Volvo EX90 in der Core-Version bei 62 270€ + MwSt. für Unternehmen (für Privatkunden etwa 88 mil euros). Damit bleibt das Modell innerhalb der steuerlichen Grenzen, um die steuerlichen Vorteile maximal auszuschöpfen.
Aus meiner Sicht lohnt die Plus-Version den Aufpreis von 4500€, weil sie unter anderem ein Premium-Soundsystem, ein Head-up-Display und Luftreinigung mitbringt. Bei der Version mit zwei Motoren ist die Versuchung groß – rational ist sie aber kaum. Wobei ich weiß: Nicht alles im Leben muss rational sein.
Bleiben wir bei der Vernunft: Für viele könnte der EX90 das erste elektrische SUV sein, das ein Verbrennerauto als Hauptfahrzeug der Familie wirklich ersetzen kann. Der Platz passt, die Reichweite ebenfalls (unter den üblichen Autobahn-Einschränkungen), und der Komfort überzeugt sowohl im Stadtverkehr als auch auf langen Strecken.
Wenn ich schon meine Familie ins Spiel bringe, dann auch das: Bei uns hat die Umstellung auf Elektromobilität eine Überraschung geliefert. Anfangs kam die Reichweitenangst von meiner Frau – heute ist sie diejenige, die die Grenzen am stärksten ausreizt. Ich hasse es, ins Auto zu steigen und nur noch 9% Akku zu sehen. Das erinnert mich an früher, wenn ich zum Auto kam und der Tank bereits auf Reserve stand.
Nach kompletten Ferien mit dem EX90 kann ich sagen, dass er zwei Rollen erfüllt hat. Er hat gezeigt, dass ein großes elektrisches SUV ein echtes Familienauto sein kann. Und er hat bewiesen, dass das Ladenetz in Portugal – auch wenn es noch längst nicht perfekt ist – kein unüberwindbares Hindernis mehr darstellt. Mit dem nativen Google Maps konnten wir die gesamte Route planen – ich erkläre das im Video.
Wenn meine Frau allein entscheiden würde, stünde dieser Volvo bereits bei uns in der Einfahrt. Ich selbst hänge weiterhin stärker am EX30 – er ist kompakter und im Alltag leichter zu handhaben. Spannend ist aber, wie schnell ihre Skepsis gegenüber Elektroautos in Begeisterung umgeschlagen ist. Vielleicht ist genau das das deutlichste Zeichen dafür, dass sich wirklich etwas verändert.
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