Der neue Kia EV3 soll beweisen, dass ein kompaktes Elektro-SUV mehr kann als Kurzstrecken in der City – nämlich auch Familienurlaub und Autobahnetappen ohne Stress.
Mit dem EV3 nimmt Kia ein besonders dicht besetztes Feld ins Visier: kleine SUV mit Stecker, die im Alltag funktionieren, bezahlbar bleiben und trotzdem möglichst gut auf Reisen passen sollen. Auf dem Datenblatt liefert der Koreaner dafür eine Menge Argumente – vom sehr großen Akku über einen durchdachten Innenraum bis hin zu ordentlicher Schnelllade-Performance. Im Alltagstest wird allerdings ebenfalls deutlich, an welchen Stellen Kia recht selbstbewusst beim Preis ansetzt.
Format wie ein City-SUV, Platz wie eine Klasse höher
Mit rund 4,30 Metern Länge bleibt der Kia EV3 klar im Bereich kompakter SUV und zielt damit direkt auf Fahrzeuge wie Peugeot e-2008, BYD Atto 3 oder Suzuki Vitara. Von außen wirkt er eher handlich und im heutigen SUV-Einerlei fast unauffällig – innen spielt er diesen Eindruck jedoch geschickt aus.
Der Radstand beträgt 2,68 Meter, ein Maß, das man sonst eher aus der Kompaktklasse kennt. Besonders auf den Rücksitzen macht sich das schnell bemerkbar.
"Hinten sitzen Erwachsene mit erstaunlich viel Kniefreiheit. Drei Personen nebeneinander sind realistisch, nicht nur ein theoretischer Prospektwert."
Der Laderaum ist offiziell mit 420 Litern angegeben und liegt damit über dem Niveau vieler Klassenkonkurrenten. Unter dem doppelten Ladeboden steckt zusätzlich ein Bereich mit rund 14 Zentimetern Tiefe – praktisch, um Gepäck höher zu stapeln oder Dinge außer Sicht zu verstauen. Vorn kommt ein kleiner Frunk mit 25 Litern hinzu, ideal für das Ladekabel.
Bei der Flexibilität zeigt der EV3 dagegen Schwächen: Die Rückbank klappt nur im Verhältnis 60:40 um, lässt sich aber nicht verschieben; zudem fehlen eine dreigeteilte Lehne sowie eine Durchreiche. Wer regelmäßig lange Gegenstände transportiert, muss daher etwas mehr Tetris spielen.
Innenraum: viel EV9-Feeling im Kleinformat
Im Cockpit ist die Nähe zum großen Kia EV9 klar erkennbar. Statt einer hoch bauenden Mittelkonsole gibt es einen breiten Durchgang, dazu einen verschiebbaren Ablagebereich unter dem Armlehnen-Modul – optisch ein Hingucker, im Alltag aber eher Spielerei als echter Vorteil.
Auf dem nüchtern gestalteten Armaturenbrett sitzt eine große Display-Einheit, bestehend aus:
- einem 12,3-Zoll-Kombiinstrument direkt vor dem Fahrer
- einem 12,3-Zoll-Touchscreen für Navigation und Medien
- einem schmalen 5,3-Zoll-Display dazwischen für die Klimabedienung
Gerade dieses kleine Klimadisplay hat einen Haken: Abhängig von der Lenkradposition verdecken entweder die rechte Hand oder der Lenkradkranz Teile der Anzeige, sodass man sich zum präzisen Tippen leicht vorbeugen muss. Die Struktur des Infotainments ist zwar zweckmäßig, aber nicht durchgehend intuitiv – manche Funktionen verstecken sich etwas zu weit unten in Untermenüs. Wichtige Alltagsfeatures wie der Routenplaner mit Ladeempfehlung oder die Batterie-Vorwärmung sind hingegen zügig erreichbar.
Technikbasis: e-GMP light statt Premium-Plattform
Kia ordnet den EV3 auf einer eigenen Elektro-Basis ein, die technisch an die K3-Plattform des Niro EV angelehnt ist. Die vielfach gelobte 800-Volt-Architektur aus EV6 und EV9 bleibt außen vor; stattdessen setzt der EV3 auf klassische 400-Volt-Technik.
Das Fahrverhalten erinnert entsprechend an Niro & Co.:
- Die Lenkung ist leichtgängig und ausreichend exakt, vermittelt jedoch wenig Rückmeldung.
- Das Fahrwerk ist eher komfortorientiert abgestimmt; in Kurven neigt sich der EV3 spürbar.
- Dafür überzeugen Komfort und Dämmung – besonders auf schlechten Straßen und bei hohem Tempo auf der Autobahn.
"Der EV3 fährt nicht sportlich, wirkt aber angenehm sanft, leise und entspannt – genau das, was viele Familien sich von einem Alltags-SUV wünschen."
Unabhängig davon, welche Batterie an Bord ist, arbeitet vorne stets derselbe E-Motor: 204 PS und 283 Newtonmeter Drehmoment. Damit geht es in 7,7 Sekunden von 0 auf 100 km/h. Für Überholvorgänge entscheidender: 80 bis 120 km/h erledigt der EV3 in gut 6 Sekunden – ein Wert auf Augenhöhe mit den üblichen Wettbewerbern.
Bremsen mit Köpfchen: Rekuperation nach Wunsch
Beim Verzögern zeigt Kia, wie viel Feinarbeit in einem Elektroauto stecken kann. Über Schaltwippen am Lenkrad lassen sich mehrere Rekuperationsstufen einstellen. Neu ist dabei die Kombination mit dem System i-Pedal 3.0.
So können Fahrerinnen und Fahrer festlegen, ob der EV3 beim Lupfen des Fahrpedals nahezu frei ausrollt oder bis zum Stillstand verzögert – und zwar in vier Abstufungen. One-Pedal-Driving ist damit möglich, aber nicht Pflicht. Gerade der Umstieg vom Verbrenner gelingt dadurch oft entspannter, weil sich die persönliche Wohlfühl-Einstellung leichter finden lässt.
Verbrauch: nicht asketisch, aber gut kaschiert
Beim Strombedarf landet der EV3 im soliden Mittelfeld. Im Test wurden im gemischten Landstraßenbetrieb rund 17 kWh pro 100 Kilometer erreicht. Auf der Autobahn bei 130 km/h nahm sich die GT-line-Version mit 19-Zoll-Rädern knapp 24 kWh.
Die Long-Range-Ausführung kontert mit einer im Segment ungewöhnlich großen Batterie: 81,4 kWh nutzbare Kapazität. Viele Konkurrenten liegen hier eher bei 60 bis 65 kWh.
"Dank XXL-Akku wirkt der reale Verbrauch weniger tragisch: Reichweiten von etwa 380 Kilometern auf der Landstraße und gut 340 Kilometern auf der Autobahn sind realistisch."
Wer die übliche Spanne von 80 auf 10 Prozent State of Charge nutzt, kann mit Etappen von rund 240 Kilometern rechnen, bevor der nächste Stopp nötig wird. Das entspricht ungefähr zwei Stunden Autobahnfahrt – also einem Pausenrhythmus, den viele ohnehin als sinnvoll empfinden.
Ladeleistung: Zahlen klein, Ladezeit erstaunlich kurz
Auf dem Papier wirken maximal 128 kW DC eher unspektakulär. In der Praxis punktet jedoch die Ladekurve: Der EV3 hält konstant über 115 kW bis etwa 65 Prozent SoC, erst danach sinkt die Leistung deutlicher.
| Szenario | Long Range 81,4 kWh |
|---|---|
| DC-Schnellladen 10–80 % | ca. 32 Minuten |
| Durchschnittliche DC-Leistung | rund 107 kW |
| AC-Laden (Onboard-Lader) | voll in ca. 7:15 Stunden |
Optional unterstützt der EV3 außerdem Vehicle-to-Load (V2L). Mit Adapter wird das Auto zur mobilen Steckdose – hilfreich beim Camping, für Werkzeuge oder als Notstromversorgung am Gartenhaus.
Zweite Batterievariante: kleiner Akku, großer Spareffekt
Unterhalb des Long-Range-Modells bietet Kia eine Version mit 58,3 kWh nutzbarer Kapazität an. Diese ist an die Basisausstattung sowie die Ausstattungslinie Earth gekoppelt.
Im WLTP stehen bis zu 436 Kilometer in den Daten. In der Realität bedeutet das eher:
- Autobahn: etwa 260 Kilometer möglich
- typische 80–10-Prozent-Etappe: rund 180 Kilometer
Die maximale DC-Leistung fällt hier auf etwa 108 kW; Kia nennt für 10 bis 80 Prozent rund 29 Minuten Ladezeit. Damit bleibt auch die kleinere Batterie im Rahmen dessen, was viele Mitbewerber bieten.
"Wer nur selten lange Strecken fährt, kann mit dem kleinen Akku mehrere tausend Euro sparen – und bekommt dennoch ein voll alltagstaugliches Elektroauto."
Je nach Ausstattung liegt die Differenz zwischen kleinem und großem Akku bei etwa 4.700 bis 5.000 Euro – für viele Haushalte dürfte genau das den Ausschlag geben.
Preise, Ausstattung, Optionen: Kia lässt zahlen
In Deutschland beginnt der Kia EV3 bei rund 41.500 Euro in der Basis. Die getestete GT-line hebt den Einstieg auf knapp 46.800 Euro. Wer anschließend sämtliche Pakete auswählt, landet schnell rund 4.500 Euro darüber.
Kritisch ist vor allem die Wärmepumpe: Bei Elektroautos ein zentraler Baustein für Effizienz und Winterreichweite, hier aber nicht serienmäßig. Sie steckt zusammen mit der V2L-Funktion in einem Paket für rund 1.550 Euro.
Die GT-line liefert zwar mehr Optik, ein besseres Soundsystem, zusätzliche Assistenzfunktionen und Komfortdetails, unterscheidet sich bei den harten Eckdaten jedoch nicht drastisch von der Linie Earth. Einige Komfort-Extras wie elektrische, belüftete Sitze, Head-up-Display oder Glasschiebedach sind zudem an ein weiteres Paket gekoppelt, das ausschließlich für die GT-line angeboten wird.
Für wen lohnt sich welcher EV3?
- Stadt- und Pendelauto: Kleine Batterie, Ausstattung Earth. Spürbar günstiger, die Reichweite reicht für den Alltag komplett.
- Familienfahrzeug mit Urlaubsambition: Long Range mit großer Batterie, idealerweise mit Wärmepumpe. Mehr Reserven, vor allem auf der Autobahn.
- Design- und Komfortfans: GT-line mit optionalem Inspiration-Paket. Preislich dann allerdings auf Premium-Niveau.
Was Elektro-Einsteiger wissen sollten
Viele Interessenten steigen mit einem Auto wie dem EV3 zum ersten Mal vom Verbrenner in die Elektrowelt um. Einige Kennzahlen klingen anfangs technisch, sind aber hilfreich für die Einordnung:
- kWh (Kilowattstunde): Beschreibt die Energiemenge im Akku. Je mehr kWh, desto weiter kommt man – vergleichbar mit dem Tankvolumen.
- kW (Kilowatt) Ladeleistung: Bestimmt, wie schnell Energie in die Batterie fließt. Entscheidend ist nicht nur die Spitze, sondern die durchschnittliche Leistung über den gesamten Ladevorgang.
- Rekuperation: Wandelt beim Bremsen Energie zurück in Strom. Systeme wie i-Pedal machen den Effekt spürbar nutzbar und reduzieren den Verschleiß der mechanischen Bremsen.
Wer überwiegend an der heimischen Wallbox lädt, profitiert beim EV3 von gut planbaren Ladefenstern über Nacht. An der Schnellladesäule zählt dagegen die stabile Leistung über die Zeit – und genau hier steht der EV3 Long Range dank seiner Ladekurve besser da, als es die reinen Maximalwerte vermuten lassen.
Ein Aspekt, den Kaufinteressierte mitkalkulieren sollten: Große Batterien erhöhen Gewicht und Preis, bringen dafür auf langen Strecken mehr Gelassenheit. Kleinere Akkus sparen Geld und Ressourcen, verlangen im Gegenzug mehr Planung bei Urlaubsfahrten und häufigen Autobahntrips. Der EV3 macht beide Seiten dieses Kompromisses sehr sichtbar – und zwingt damit zu einer ehrlichen Entscheidung, wie das Auto im Alltag tatsächlich genutzt werden soll.
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